RuJ #0001 – Zu aller Anfang: Der Anfang. Der japa­ni­sche Mythos von der Ent­ste­hung der Welt – Iza­nagi und Izanami

Navi­ga­tion:

Ein­füh­rung


Der erste Arti­kel der Blo­greihe „Rund um Japan” wid­met sich dem japa­ni­schen Ent­ste­hungs­my­thos der Erde, der – trotz sei­nes Alters – immer noch Ein­fluss auf die japa­ni­sche Kul­tur aus­übt. Zugleich ist die­ser Mythos der Ent­ste­hungs­my­thos des japa­ni­schen Volks­glau­bens Shintō (神道, deutsch: Weg der Göt­ter), auch Shin­to­is­mus genannt. Selbst auf der poli­ti­schen Ebene besitzt die­ser Mythos einen gro­ßen Ein­fluss: Denn das ein­zige japa­ni­sche Kai­ser­ge­schlecht Tennō (天皇, deutsch: Himm­li­scher Herr­scher), begrün­det seine Herr­schaft, die zwar im moder­nen Japan nur noch reprä­sen­ta­ti­ver und zere­mo­ni­el­ler Funk­tion ist, auf genau die­sem Mythos.

Bevor wir aber zum eigent­li­chen Mythos kom­men, muss ich vor­her noch einige Worte zu den bei­den ers­ten Geschichts­wer­ken der japa­ni­schen Geschichts­schrei­bung ver­lie­ren. Es han­delt sich um das Kojiki (古事記, deutsch: Auf­zeich­nun­gen alter Gescheh­nisse), erschie­nen 712, sowie um das 720 erschie­nene Nihons­hoki (日本書紀, deutsch: Chro­nik Japans in ein­zel­nen Schrif­ten; Anna­len Japans), auch als Nihongi (日本紀, deutsch: Chro­nik Japans) bekannt. Beide Werke ent­hal­ten sowohl geschicht­li­che als auch mythi­sche Auf­zeich­nun­gen in chi­ne­si­scher Spra­che. Da beide irgend­wann jeweils ihren eige­nen Arti­kel erhal­ten wer­den, beleuchte ich nur die Ent­ste­hungs­ge­schich­ten (in gestraf­ter Form) die­ser Werke, weil diese nötig sind, um den Ent­ste­hungs­my­thos zu ver­ste­hen – um vor allem einige Aus­sa­ge­ab­sich­ten zu verstehen.

Temmu, japanischer Kaiser (Tennō)

Von Kokusho Kan­kō­kai (国書刊行会) im Jahre 1908 ange­fer­tige Zeich­nung Temmus

Sowohl das Kojiki als auch das Nihons­hoki wur­den allein aus poli­ti­schen Grün­den initi­iert: Der japa­ni­sche Tennō (= Kai­ser) Temmu (天武天皇, Temmu-tennō; * wahr­schein­lich 631 , † 1.10.686) erkannte, dass es für seine Dynas­tie keine dau­er­hafte, unbe­streit­bare Legi­ti­ma­ti­ons­grund­lage gab. Beson­ders die Herr­schafts­ver­hält­nisse in China, wo eine Dynas­tie die andere stürzte, dürf­ten für Temmu ein abschre­cken­des Bei­spiel gewe­sen sein. [Übri­gens – wo wir schon ein­mal bei China sind – lässt sich an dem ver­fälsch­ten Ent­ste­hungs­my­thos auch der Ein­fluss Chi­nas, des­sen Ein­fluss auf Japan ins­be­son­dere im 5./6. Jh. immer stär­ker wurde, sowie der bud­dhis­ti­scher Ideen bele­gen.] Temmu befahl daher die Zusam­men­stel­lung eines Wer­kes, dem Kojiki, wel­ches die Lügen – zumin­dest nach Tem­mus Sicht – älte­rer, in Fami­li­en­be­sitz befind­li­cher Über­lie­fe­run­gen aus­mer­zen und nur die reine Wahr­heit ent­hal­ten sollte, was Wahr­heit ist wurde selbst­ver­ständ­lich durch den Tennō bestimmt. Inso­fern ent­hält das Kojiki nur jene Ver­sio­nen der Mythen, die die Herr­schaft Tem­mus und der gesam­ten Tennō-Dynastie rechtfertigen.

Das Nihons­hoki sollte nicht die Macht des Kai­ser­ge­schlechts recht­fer­ti­gen und sichern, son­dern seine Ent­ste­hung ist auf den japa­ni­schen Adel zurück­zu­füh­ren, der seine beson­dere Stel­lung eben­falls durch die Mythen begrün­den und somit fes­ti­gen wollte. Die­ser Tat­sa­che ver­dan­ken wir auch, dass das Nihons­hoki zahl­rei­che Vari­an­ten der Mythen bie­tet, da jede Adels­fa­mi­lie andere Über­lie­fe­run­gen besaß und ver­suchte durch ihre Vari­ante ihren Platz an der Spitze der Gesell­schaft zu begründen.

Letzt­lich ver­dan­ken wir also die Ent­ste­hung bei­der Geschichts­werke allein poli­ti­scher Machen­schaf­ten. Dies sollte der Leser im Hin­ter­kopf behal­ten, da ich mich wäh­rend mei­ner Aus­füh­run­gen mehr­fach auf diese bezie­hen werde.


Die Ent­ste­hung der Göt­ter, des Him­mels und der Erde

Nach­dem das theo­re­ti­schen Vor­ge­plän­kel been­det ist, kom­men wir zum Mythos selbst und begin­nen gleich mit zwei Text­aus­zü­gen aus dem Kojiki und dem Nihons­hoki.

Eckige Klam­mern [ ] ste­hen für Kom­men­tare des Über­set­zers, geschweifte Klam­mern { } für Ergän­zun­gen mei­ner­seits, […] steht für eine Aus­las­sung, Druck­feh­ler wer­den ohne Ver­merk korrigiert

Kojiki

Die Namen der Gott­hei­ten, die im Hohen Him­mels­ge­filde {=Takama-ga-hara} ent­stan­den, als Him­mel und Erde sich zu ent­fal­ten began­nen: Ame no Minaka-nushi no kami, dar­auf Taka­mi­musubi no kami, dar­auf Kami­musubi no kami. Diese drei Gott­hei­ten ent­stan­den jeder als Ein­zel­gott­heit, und sie ver­bar­gen ihre Leiber.

Die Namen der Gott­hei­ten, die dar­auf aus einem Ding ent­stan­den, das gleich einem Schilfs­schöß­ling empor­sproß, als das Land jung war und wie Öl, wie eine Qualle umher­trieb: Umashiashikabi-hikoji no kami, dar­auf Ame no Toko­ta­chi no kami. Auch diese bei­den Gott­hei­ten ent­stan­den als Ein­zel­gott­hei­ten, und sie ver­bar­gen ihre Leiber.

Die fünf Gott­hei­ten des obi­gen Abschnitts sind die Beson­de­ren Himmelsgottheiten.

Die Namen der dar­auf ent­stan­de­nen Gott­hei­ten: Kuni no Toko­ta­chi no kami […] {Es fol­gen lange Auf­zäh­lun­gen zahl­rei­cher Göt­ter.} … dar­auf Iza­nagi no kami, dar­auf des­sen jün­gere Schwes­ter Iza­nami no kami.
Die im obi­gen Abschnitt Genann­ten von Kuni no Toko­ta­chi no kami bis Iza­nami no kami bezeich­net man zusam­men als die Sie­ben Gene­ra­tio­nen der Göt­ter­zeit.” 1

Nihons­hoki

Vor alters, als Him­mel und Erde noch nicht gespal­ten, yin und yang [das weib­li­che und männ­li­che Prin­zip] noch nicht getrennt waren, da war ihre chao­ti­sche Masse gleich einem Hüh­nerei, gren­zen­los und unbe­stimmt, und in ihr war ein Keim ent­hal­ten. Das Reine und Helle hier­von dehnte sich dünn aus und wurde zum Him­mel; das Schwere und Trübe setzte sich und wurde zur Erde. Beim Ver­ei­ni­gen des Fei­nen und Wun­der­ba­ren gelang das Zusam­men­zie­hen leicht, beim Fest­le­gen des Schwe­ren und Trü­ben war das Erstar­ren schwie­rig. Des­halb ent­stand der Him­mel zuerst, danach gestal­tete sich die Erde. Danach nun wur­den zwi­schen ihnen gött­li­che Wesen hervorgebracht.

Daher heißt es, daß zu Beginn der Schöp­fung das Umher­trei­ben des Land­bo­dens dem Schwim­men eines spie­len­den Fisches auf dem Was­ser zu ver­glei­chen war. Zu die­ser Zeit ging ein Ding zwi­schen Him­mel und Erde her­vor. Seine Gestalt war wie die eines Schilfs­schöß­lings. Die­ses nun ver­wan­delte sich in eine Gott­heit mit Namen Kuni no Toko­ta­chi mikoto […] {Es folgt eine Auf­lis­tung zahl­rei­cher Göt­ter, wobei diese von der des Koji­kis abweicht.} Dar­auf die Gott­hei­ten Iza­nagi no mikoto, Iza­nami no mikoto.

Dies sind acht Gott­hei­ten ins­ge­samt. Sie ent­stan­den durch die gegen­sei­tige Ver­mi­schung des Weges von Him­mel und Erde, daher bil­de­ten sich Män­ner und Frauen. Von Kuni no Toko­ta­chi bis zu Iza­nagi no mikoto und Iza­nami no mikoto, das nennt man die Sie­ben Gene­ra­tio­nen des Göt­ter­zeit­al­ters.” 2

Inter­pre­ta­tion

Bereits am Anfang unter­schei­den sich die bei­den Werke stark, wäh­rend es im Kojiki drei Schöp­fer­gott­hei­ten gibt, bezieht sich das Nihons­hoki direkt auf die chi­ne­si­sche Lehre von Yin und Yang. Aber auch im Kojiki fin­den wir chi­ne­si­sche Ele­mente in den Schöpfergottheiten:

Die drei Schöp­fer­gott­hei­ten fin­den in den spä­te­ren Mythen kei­ner­lei Erwäh­nung, inso­fern liegt die Ver­mu­tung nahe, dass diese Göt­ter ledig­lich auf Befehl Tem­mus hin­zu­ge­fügt wur­den. Ame no Minaka-nushi (天御中主 oder 天之御中主神) bedeu­tet so viel wie „Herr der Heh­ren {=edlen} Him­mels­mitte”. Die Him­mels­mitte ist der Polar­stern, denn er ver­än­dert seine Posi­tion (von der Erde aus betrach­tet) wäh­rend des gesam­ten Jah­res (fast) nicht. Es sieht so aus, als wür­den all die ande­ren Sterne um den zen­tra­len Polar­stern rotie­ren. Somit befin­det sich Ame no Minaka-nushi als „Herr der Heh­ren Him­mels­mitte” im Zen­trum des Him­mels und beherrscht die gesamte Welt. Die chi­ne­si­sche Bezeich­nung für solch einen Him­mels­kai­ser lau­tet T’ien-huang, japa­ni­siert Tennō. Schon hier wird deut­lich, wie Temmu ver­sucht die Mythen für seine Zwe­cke zu miss­brau­chen, indem er seine Dynas­tie als gött­lich dar­ge­stellt – was wir gegen Ende des Mythos noch viel deut­li­cher sehen wer­den. Übri­gens ist die Bedeu­tung der drei Schöp­fer­gott­hei­ten in der Rea­li­tät eher gering. Es gibt noch eine andere Gott­heit, wel­che für das japa­ni­sche Kai­ser­ge­schlecht viel bedeu­ten­der ist.

Selbst­ver­ständ­lich ver­sucht auch das Nihons­hoki das chi­ne­si­sche Den­ken mit dem japa­ni­schen Den­ken zu ver­bin­den bzw. sogar zu ver­ei­ni­gen. Nebst der Erwäh­nung von Yin und Yang, ist auch die Hühnerei-Metapher chi­ne­si­schen Ursprungs. Dort berich­tet eine Volks­über­lie­fe­rung vom Rie­sen P’an-ku, der inmit­ten des komi­schen Eies gebo­ren wurde und aus des­sen Kör­per­tei­len nach sei­nem Tod die Welt geformt wurde.

Auf­merk­sa­men Lesern sind sicher die unter­schied­li­chen Bezeich­nun­gen der Göt­ter auf­ge­fal­len. Das Kojiki ver­wen­det Kami (神, deutsch: Gott), wäh­rend das Nihons­hoki die Göt­ter als Mikoto, (命 oder 尊) ein Titel für Göt­ter, spä­ter auch für Kai­ser, bezeich­net. Zwar wer­den beide meis­tens ohne Bedeu­tungs­un­ter­schied ver­wen­det, jedoch ist die Bezeich­nung Kami gebräuch­li­cher, da der Shin­to­is­mus diese Bezeich­nung verwendet.

Selbst­re­dend besitzt auch das Ver­ber­gen der Lei­ber einen Sinn, es kann als Erklä­rung für die Unsicht­bar­keit der Göt­ter ver­stan­den wer­den. Viel­leicht emp­fin­den einige den Anfang des Koji­kis als Wider­spruch, denn wie kön­nen die Göt­ter im Hohen Him­mels­ge­filde im Takama-ga-hara (高天原) ent­ste­hen, wenn doch Him­mel und Erde sich erst zu ent­fal­ten begin­nen, also noch gar nicht aus­ge­bil­det sind? Die­ser Wider­spruch lässt sich leicht auf­lö­sen, wenn man weiß, dass die­ser mys­ti­sche Ort Takama-ga-hara fernab von Him­mel und Erde liegt. Über den Stel­len­wert der Auf­zäh­lung zahl­rei­cher Göt­ter­na­men – die fast alle auch nur Namen blei­ben und weder in Tem­peln ver­ehrt noch in irgend­wel­chen Mythen vor­kom­men – kann nur spe­ku­liert werden.

Die Urel­tern Iza­nagi und Iza­nami for­men die Erde

Nach dem Ent­ste­hen von Him­mel und Erde wer­den Iza­nagi und Iza­nami nun aktiv.

Kojiki

Izanagi und Izanami

Koba­ya­shi Eitaku, „›Iza­nagi and Izanami”

Hier nun erlie­ßen die Him­mels­göt­ter ins­ge­samt Befehl an die bei­den Gott­hei­ten Iza­nagi und Iza­nami und spra­chen: ›Ord­net, fes­ti­get und voll­en­det die­ses her­um­trei­bende Land!‹ Sie gaben ihnen den Himm­li­schen Juwe­len­speer und wie­sen sie also an. Daher stell­ten sich die bei­den Gott­hei­ten auf die Schwe­be­brü­cke des Him­mels und stie­ßen jenen Juwe­len­speer nach unten und rühr­ten mit ihm, und als sie die Salz­flut durch Rüh­ren zum Gerin­nen brach­ten und den Speer hoch­zo­gen, da häufte sich die Salz­flut, die von sei­ner Spitze her­ab­tropfte, und bil­dete eine Insel. Dies ist die Insel Ono­goro {= von selbst geron­nene Insel}.

Sie stie­gen vom Him­mel auf diese Insel hin­un­ter, stell­ten den Heh­ren Him­mels­pfei­ler auf und errich­te­ten die Acht-Klafter-Halle. Als er dar­auf seine jün­gere Schwes­ter Iza­nami no mikoto fragte: ›Wie ist dein Kör­per gebil­det?‹, ant­wor­tete sie: ›Mein Kör­per wird und wird, aber eine Stelle kommt nicht zustande.‹ Da sagte Iza­nagi: ›Mein Kör­per wird und wird, aber eine Stelle im Über­maß. Wie wäre es, wenn ich die im Über­maß gebil­dete Stelle mei­nes Kör­pers in die unge­nü­gend gebil­dete Stelle dei­nes Kör­pers ste­cke und wir so Län­der zeug­ten?‹ Iza­nami ant­wor­tete: ›Das wird gut sein!‹ Nun sagte Iza­nagi: ›In die­sem Falle wol­len wir, ich und du, um die­sen Heh­ren Him­mels­pfei­ler her­um­ge­hen und zusam­men­tref­fen und uns ehe­lich ver­ei­ni­gen.‹ So gelob­ten sie, und er sagte: ›Geh du von der rech­ten Seite herum auf mich zu, ich gehe von der lin­ken Seite herum auf dich zu.‹ Als sie so gespro­chen hat­ten und her­um­gin­gen, sprach Iza­nami no mikoto zuerst: ›Oh, welch guter Jüng­ling!‹, dar­auf sprach Iza­nagi: ›Oh, welch gute Maid!‹ Als sie zu Ende gespro­chen, sagte er zu sei­ner jün­ge­ren Schwester/Gattin: ›Es ist nicht gut, daß die Frau zuerst spricht‹ Den­noch voll­zo­gen sie die Ehe und erzeug­ten den Sohn Hiruko [Blutegel-Kind]. Die­sen Sohn setz­ten sie in ein Schilf­bot und lie­ßen ihn davon­schwim­men. Danach erzeug­ten sie die Insel Aha [Awa]. Auch diese zählte nicht zu ihren Kindern.

Hier­auf berie­ten sich die bei­den Gott­hei­ten mit­ein­an­der und sag­ten: ›Das Kind, das wir gerade gebo­ren haben, ist nicht gut. Wir soll­ten dies den Him­mels­göt­tern mel­den‹, und sie stie­gen zusam­men hin­auf und baten die Him­mels­göt­ter um Anwei­sung. Da divi­nier­ten die Him­mels­göt­ter mit der Gro­ßen Divina­tion {=Pro­phe­zei­ung} und gaben Befehl: ›Da die Frau zuerst gespro­chen hat, war es nicht gut. Kehrt nach unten zurück und sprecht erneut] […] {Die­selbe Pro­ze­dur, doch dies­mal spricht Iza­nagi zuerst. Sie erzeu­gen viele Inseln und Göt­ter.}” 3

Nihons­hoki

Iza­nagi no mikoto und Iza­nami no mikoto stan­den auf der Schwe­be­brü­cke des Him­mels, berat­schlag­ten mit­ein­an­der und spra­chen: ›Gibt es auf dem Boden da unten nicht gar ein Land?‹ Also stie­ßen sie den Himm­li­schen Juwe­len­speer nach unten und such­ten danach, da fan­den sie das blaue Mee­res­ge­filde. Das Salz­was­ser, das von der Spitze des Spee­res her­ab­tröp­felte, gerann und wurde zu einer Insel. Sie gaben ihr den Namen Ono­goro. Die bei­den Gott­hei­ten stie­gen nun auf diese Insel hinab und wünsch­ten daher, Mann und Frau zu wer­den und Län­der zu erzeu­gen. So mach­ten sie die Insel Ono­goro zum Heh­ren Pfei­ler der Land-Mitte und die männ­li­che Gott­heit umschritt ihn von links, die weib­li­che Gott­heit von rechts. So umschrit­ten sie getrennt den Heh­ren Pfei­ler des Lan­des und tra­fen sich wie­der auf der ande­ren Seite. Da sprach die weib­li­che Gott­heit zuerst: ›Wie schön! Ich habe einen herr­li­chen Mann getrof­fen!‹ Die männ­li­che Gott­heit war dar­über nicht erfreut und sprach: ›Ich bin ein Mann, folg­lich sollte ich zuerst spre­chen. Wie konn­test du als Frau, gerade umge­kehrt, zuerst spre­chen! Das bringt schon kein Glück Wir soll­ten daher soll­ten daher erneut her­um­ge­hen.‹ Also gin­gen die bei­den Gott­hei­ten zurück und tra­fen sich wie­der zusam­men und dies­mal sprach die männ­li­che Gott­heit zuerst […]. So ver­ei­nig­ten sich erst­mals die weib­li­che und männ­li­che Gott­heit. […] {Sie zeu­gen einige Inseln, Berge, Flüsse, etc.}

Nun berat­schlag­ten Iza­nagi no mikoto und Iza­nami no mikoto mit­ein­an­der und spra­chen: ›Nun haben wir bereits das Große Land der Acht Inseln sowie Berge, Flüsse, Bäume und Kräu­ter erzeugt. Warum soll­ten wir nicht einen Herrn über das Erd­reich zeu­gen?‹ Also erzeug­ten sie gemein­sam die Son­nen­göt­tin und gaben ihr den Namen Oho­hirume no Muchi. In einer Schrift heißt sie Ama­ter­asu Oho­mi­kami. In einer ande­ren Schrift heißt sie Ama­ter­asu Oho­hirume no mikoto. Das schim­mernde Licht und der Glanz die­ses Kin­des erstrahl­ten durch das ganze Uni­ver­sum. Daher freu­ten sich die bei­den Gott­hei­ten und spra­chen: ›Nun haben wir zwar schon viele Kin­der, aber kei­nes das so wun­der­sam und unge­wöhn­lich ist. Es sollte nicht lange in die­sem Lande wei­len, wir soll­ten es von selbst sofort nach dem Him­mel schi­cken und ihm die Ange­le­gen­hei­ten des Him­mels anvertrauen.‹

Zu jener Zeit waren Him­mel und Erde noch nicht weit von­ein­an­der ent­fernt, daher schick­ten sie es ver­mit­tels des Heh­ren Him­mels­pfei­lers zum Him­mel hin­auf. Danach erzeug­ten sie den Mond­gott. In einer Schrift heißt er Tsu­kuyumi no mikoto, [fer­ner] Tsu­kuyomi no mikoto. Sein Glanz kam zunächst nach dem der Sonne, so sollte er neben der Sonne herr­schen. Danach erzeug­ten sie das Blut­egel­kind. Als es drei Jahre alt gewor­den war, konnte es immer noch nicht auf sei­nen Bei­nen ste­hen. Daher setz­ten sie es in das himm­li­sche Fels-Kampfer-Boot und über­lie­ßen es den Win­den. Danach erzeug­ten sie Susa no Wo no mikoto.” 4

Inter­pre­ta­tion

Und schon wie­der lässt sich schon zu Beginn ein große inhalt­li­che Dif­fe­renz fest­stel­len: han­delt das Urel­tern­paar, Iza­nagi (伊邪那岐命) und Iza­nami (伊邪那美命) im Kojiki auf Befehl der obers­ten Göt­ter, so han­deln sie im Nihons­hoki kom­plett eigen­mäch­tig. Da wir bereits fest­stell­ten, dass die drei Schöp­fer­gott­hei­ten nur eine poli­ti­sche Erfin­dung sind, kön­nen wir getrost davon aus­ge­hen, dass die Ver­sion des Nihons­hoki die ursprüng­li­che ist. Fer­ner beweist diese Text­stelle das von den erst­ge­bo­re­nen Göt­tern nur Iza­nagi und Iza­nami keine poli­ti­schen Erfin­dun­gen sind.

Kom­men wir nun zu den erwähn­ten Ort­schaf­ten: die schwe­bende Him­mels­brü­cke, der Him­mels­pfei­ler und die nur im Kojiki erwähnte Acht-Klafter-Halle. Erst­ge­nannte Ort­schaft ist eine Peri­phrase für den Regen­bo­gen. Viel rele­van­ter sind jedoch die bei­den ande­ren Loka­li­tä­ten sowie der damit ver­bun­dene Ritus. Bei der Acht-Klafter-Halle (ein Klaf­ter = Größe eines erwach­se­nen Man­nes, ca. 1,80m) fragt sich ein neu­gie­ri­ger Leser sicher­lich warum acht, und nicht sie­ben oder neun – hat diese Zahl also in Japan eine beson­dere Bedeu­tung? Ja, das hat sie, sie steht für das Ganze, denn mit acht sind die acht Him­mels­rich­tun­gen gemeint, d.h. die­ses Haus bil­det zusam­men mit dem Him­mels­pfei­ler, der den Mit­tel­punkt die­ses Hau­ses dar­stellt und die Erde mit dem Him­mel ver­knüpft, den Ort, an dem die Erzeu­gung, der auf der Erde befind­li­chen Dinge, begann. Auch in den chi­ne­si­schen Mythen gibt es solch eine Halle und der Groß­schrein von Kizuki besitzt eben­falls acht Pfos­ten­zwi­schen­räume, die an den Him­mels­rich­tun­gen ori­en­tiert sind.

Iza­nagi und Iza­nami sind Geschwis­ter, d. h. sie bege­hen Inzest als sie den Geschlechts­akt voll­zie­hen. Die­ses Motiv eines Geschwis­ter­paa­res, wel­ches die Welt erschafft, fin­den wir auch in zahl­rei­chen ande­ren asia­ti­schen Mythen, wie z.B. in einem Mythos der süd­ja­pa­ni­schen Yaeyama-Inseln über ein Geschwis­ter­paar, das als ein­zi­ges eine Flut über­lebt. Dort wan­dern beide auch in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung um die Welt, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass es kei­ner­lei andere poten­zi­elle Part­ner gibt. Schließ­lich kommt es zur inzes­tuö­sen Ehe­schlie­ßung, doch auf­grund der engen Ver­wand­schaft miss­ra­ten die ers­ten Kinder.

Bei Iza­nagi und Iza­nami gerät das Inzest­mo­tiv in den Hin­ter­grund, was auch ver­ständ­lich ist, sofern man über die zahl­rei­chen Inze­ste­hen der japa­ni­schen Ober­schicht zu Zei­ten Tem­mus Kennt­nis besitzt. Um also das eigent­li­che Motiv für das miss­ra­tene Kind zu ver­tu­schen, wurde im Kojiki und in eini­gen Vari­an­ten des Nihons­hoki Iza­nami die Schuld zu gescho­ben – obgleich die Frau in der japa­ni­schen Ober­schicht ein hohes Anse­hen besaß, war der Ein­fluss patri­ar­cha­li­schen Gedan­ken­guts chi­ne­si­scher Prä­gung doch dominanter.

In sei­ner ursprüng­li­chen Form ist die­ses Kapi­tel des Ent­ste­hungs­my­thos dem­nach nicht mehr erhal­ten, son­dern viel mehr mas­siv ent­stellt wur­den. Fer­ner ist die feh­lende Erwäh­nung der Erzeu­gung von Men­schen ein wei­te­res Indiz für diese These. Zudem blei­ben ein meis­ten der von den Urel­tern gezeug­ten Gott­hei­ten bloße nament­li­che Nen­nun­gen ohne ernst­haf­ten Ein­fluss auf spä­tere Gescheh­nisse. Auch die am Schluss im Haupt­text des Nihons­hoki ein­ge­füg­ten drei Göt­ter Amaterasu-ōmikami (天照大神), Tsu­kuyomi (ツクヨミ) sowie Sus­a­noo, auch als Susa no Wo bekannt, (須佐之男) kom­men eigent­lich erst spä­ter vor, zumin­dest nach dem Kojiki und vie­len Nihonshoki-Varianten.

Die Geburt des Kagut­su­chi und der Tod Izanamis

Es kommt zum tra­gi­schen Tod der Urmut­ter, ver­ur­sacht durch ihr eige­nes Kind.

Kojiki

Sodann erzeug­ten sie Hi no Yagi­ha­yawo no kami. Mit ande­rem Namen Hi no Kaga-biko no kami, mit ande­rem Namen Hi no Kagut­su­chi no kami. Weil [Iza­nami] die­ses Kind gebar, ver­brannte sie sich die Scham und legte sich krank dar­nie­der. Die Namen der aus ihrem Erbro­che­nen ent­stan­den Gott­hei­ten […] {Es fol­gen 3 Göt­ter}. Die Namen der danach aus ihren Exkre­men­ten ent­stan­de­nen Gott­hei­ten […] {Erneut 3 Gott­hei­ten}. Die Namen der danach aus ihrem Urin ent­stan­de­nen Gott­hei­ten […] {Dies­mal nur 2}. Weil nun Iza­nami den Feu­er­gott gebo­ren hatte, schied sie gött­lich von hinnen. […]

Hier nun sprach Iza­nagi no mikoto: ›Oh daß ich dich, meine geliebte Gat­tin, für ein ein­zi­ges Kind ein­ge­tauscht habe!‹ So kroch er bäuch­lings zu ihrem Kopf hin, kroch bäuch­lings zu ihren Füßen hin und weinte, da ent­stand aus sei­nen Trä­nen die Gott­heit die sich zu Füßen der Bäume bei Unewo am Kagu-Berg auf­hält und Naki­sa­wame no kami heißt. Dann bestatte er die gött­lich von dan­nen geschie­dene Iza­nami no kami auf dem Berg Hiba, der Grenze zwi­schem dem Land Izumo und dem Land Hahaki.

Da nun zog Iza­nagi no mikoto das zehn Hand­brei­ten lange Schwert, das er an der Hüfte trug, und schlug den Kopf sei­nes Soh­nes Kagut­su­chi no kami ab. Das Blut, das an der Spitze sei­nes Schwer­tes haf­tete, spritze da auf die Masse der Fel­sen; die Namen der so ent­stan­de­nen Gott­hei­ten waren […] {es folgt eine Auf­zäh­lung von Götternamen}.

Die obi­gen Göt­ter von Iha­saku no kami bis Kur­a­mi­tsuha no kami, acht Gott­hei­ten, sind durch das Schwert gebo­rene Gottheiten

[Aus den Kör­per­tei­len des Kagut­su­chi ent­ste­hen wei­tere acht Gott­hei­ten, deren Name auf Teile von Ber­gen bezo­gen sind.]

Der Name des Schwer­tes, mit dem [Iza­nagi den Feu­er­gott] zer­hieb, war Ame no Woha­bari, mit ande­ren Namen Itsu no Woha­bari.” 5

Nihons­hoki

(Vari­ante II:) Danach gebar [Iza­nami] den Feu­er­gott Kagut­su­chi. Wegen der Geburt des Kagut­su­chi ver­brannte sich Iza­nami und schied von hin­nen. Wäh­rend sie ver­schei­dend dar­nie­der­lag, gebar sie die Göt­tin der Erde Haniyama-bime und die Göt­tin des Was­sers Mitsuha no Me. Kagut­su­chi aber nahm Haniyama-bime zur Frau und sie gebar Waku­musubi. Auf dem Haupte die­ser Gott­heit ent­stan­den die Sei­den­raupe und der Maull­beer­baum, in ihrem Nabel ent­stan­den die Fünf Körnerfrüchte.

(Vari­ante V:) Als Iza­nami den Feu­er­gott gebar, ver­brannte sie sich und schied gött­lich von hin­nen. So wurde sie im Dorfe Arima von Kumano im Lande Ki bestat­tet. Das dor­tige Land­volk ver­ehrt den Geist die­ser Gott­heit, indem es zur Zeit der Blü­ten ihr Blü­ten dar­bringt; fer­ner neh­men sie Trom­meln und Flö­ten, Ban­ner und Flag­gen und ver­eh­ren sie mit Gesang und Tanz.

(Vari­ante VI:) […] Fer­ner das Kind, das sie zeug­ten, als sie hung­rig waren, nann­ten sie Uka no Mit­ama no mikoto. Fer­ner die Mee­res­göt­ter, die sie zeug­ten […] {Göt­ter­auf­zäh­lung}. Danach erzeug­ten sie die Zehn­tau­send Dinge ins­ge­samt. Als es dazu kam, daß sie den Feu­er­gott Kagut­su­chi gebar, ver­brannte sich Iza­nami no ikoto und schied gött­lich von hin­nen. Schieß­lich zog [Iza­nagi] das zehn Hand­brei­ten lange Schwert, das er am Gür­tel trug, und hieb den Kagut­su­chi in drei Stü­cke, wovon sich jedes in einen Gott verwandelte […]

(Vari­ante VIII:) Iza­nagi no mikoto zer­hieb Kagut­su­chi in fünf Stü­cke […]” 6

IV. – In einer Schrift heisst es :—Als Iza­nami no Mikoto im Begriff war den Feu­er­gott Kagu-dzuchi zu gebä­ren, bekam sie Fie­ber und wurde krank. Infolge davon erbrach sie sich, und dies [Erbro­chene] ver­wan­delte sich in einen Gott, wel­cher Kana-yama-biko genannt wurde. Sodann ver­wan­delte sich ihr Urin in eine Göt­tin Namens Mitsu-ha no Me. Sodann ver­wan­del­ten sich ihre Exkre­mente in eine Göt­tin Namens Haniyama-bime.” 7

Inter­pre­ta­tion

Erst­mals ster­ben Göt­ter, ein wah­res Novum. Doch kann man über­haupt von einem Tod spre­chen? Sowohl im Kojiki als auch in weni­gen Nihonshoki-Varianten – wobei das Nihons­hoki in all sei­nen Vari­an­ten öfter den Begriff Geburt ver­wen­det – ent­steht aus Iza­na­mis Aus­schei­dun­gen neue Göt­ter. Bei Kagut­su­chi ist es auch viel eher eine Umfor­mung, eine Trans­for­ma­tion als ein Tod, denn aus sei­nen Tei­len ent­ste­hen eben­falls Göt­ter. Dar­aus folgt es geht nichts Gött­li­ches ver­lo­ren, son­dern es wan­delt nur seine Form. Ein Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz für einige Nihonshoki-Varianten wäre (vor allem für VIII), dass Kagut­su­chi für das wilde, tödlich-zerstörerische Feuer steht und durch Iza­nagi gezähmt, für den Men­schen nutz­bar gemacht wird. Der Mensch ist also dank Iza­nagi in der Lage mit­tels Stei­nen oder Holz Feuer zu machen.

Die zahl­rei­chen weg­ge­las­sen Göt­ter­na­men haben natür­lich wie­der ein­mal vor allem poli­ti­sche Hin­ter­gründe und die­nen bei­spiels­weise vor allem den Adel­fa­mi­lien als Sip­pen­göt­ter. Fer­ner kön­nen die Hin­weise auf kon­krete Ört­lich­kei­ten getrost als spä­tere Mani­pu­la­tion ange­se­hen wer­den. Inter­es­sant ist zudem, dass die Zahl acht immer wie­der auftaucht.

Iza­na­gis Toten­welt­be­such und die Geburt der drei erlauch­ten Kinder

Iza­nagi, geplagt von Trauer und Schmerz, will seine Frau wie­der­se­hen und steigt ins Toten­reich hinab. Doch die Begeg­nung mit sei­ner Frau ver­läuft anders als erhofft.

Kojiki

Da nun wünschte [Iza­nagi] seine Gat­tin Iza­nami no mikoto wie­der­zu­se­hen und folgte ihr in das Land der Fins­ter­nis. Als sie ihm aus der mit einer Kor­del ver­schlos­se­nen Tür des Palas­tes ent­ge­gen­trat, sagte Iza­nagi no mikoto: ›Meine geliebte Gat­tin, die Län­der, die ich und du geschaf­fen haben, sind noch nicht fer­tig geschaf­fen. Du sollst daher zurück­keh­ren!‹ Hier­auf ant­wor­tete Iza­nami no mikoto und sagte: ›Ach wie schade, daß du nicht frü­her kamst! Ich habe vom Koch­herd des Lan­des der Fins­ter­nis geges­sen. Den­noch mein gelieb­ter Gatte, wie dan­kens­wert, daß du her­ein­ge­kom­men bist. So will ich denn mei­nen Wunsch zurück­zu­keh­ren für ein Weil­chen mit den Göt­tern des Lan­des der Fins­ter­nis bespre­chen. Sieh nicht nach mir!‹ Mit die­sen Wor­ten ging sie in den Palast zurück, doch da es gar lange dau­erte, fiel ihm das War­ten schwer. Also brach er einen End­zahn des viel­zäh­ni­gen Kam­mes ab, den er im lin­ken Haar­schopf ste­cken hatte, und zün­dete ihn als ein­zi­ges Licht an; als er nun hin­ein­ging und nach ihr sah, da wim­melte es [in ihrem Leich­nam] über­all von Maden,und ihrem Kopf befand sich der Große Don­ner, in ihrer Brust der Feu­er­don­ner […]. Ins­ge­samt waren acht Don­ner­gott­hei­ten in ihr enstanden.

Als Iza­nagi no mikoto vor die­sem Anblick erschrak und sich zur Flucht wandte, sprach seine Gat­tin Iza­nami no mikoto: ›Du hast mir Schande zuge­fügt!‹, und schickte die Abscheu­li­chen Wei­ber des Lan­des der Fins­ter­nis zu sei­ner Ver­fol­gung. Da nahm Iza­nagi no mikoto den schwar­zen Ran­ken­kranz von sei­nem Haupt und warf ihn weg – sofort bil­de­ten sich Wein­trau­ben, und wäh­rend sie diese auf­la­sen und aßen, floh er wei­ter. Als sie ihn aber wei­ter ver­folg­ten, nahm er den viel­zäh­ni­gen Kamm, den er in sei­nem rech­ten Haar­schopf trug, zer­brach ihn und warf ihn weg, da bil­de­ten sich sofort Bam­bus­schöß­linge. Wäh­rend sie diese her­aus­zo­gen und außen, floh er wei­ter. Doch danach schickte [Iza­nami] die Acht Don­ner­göt­ter mit tau­send­fünf­hun­dert Krie­gern des Lan­des der Fins­ter­nis zu sei­ner Ver­fol­gung. Da zog er das zehn Hand­brei­ten lange Schwert, das er bei sich trug, schwang es nach hin­ten und floh dahin. Aber sie ver­folg­ten ihn wei­ter, und als er am Fuße des Fla­chen Abhangs der Fins­ter­nis ankam, nahm er drei der am Fuße des Abhangs befind­li­chen Pfir­si­che, erwar­tete sie und bewarf sie damit, daher flo­hen sie alle zurück. Da sagte Iza­nagi no mikoto zu den Pfir­si­chen: ›So wie ihr mir gehol­fen habt, so sollt ihr auch dem sicht­ba­ren grü­nen Men­schen­gras im Mitt­le­ren Land der Schilf­ge­filde hel­fen, wenn es ins Elend fällt und sich in Sorge quält.‹ […]

Zuletzt kam seine Gat­tin Iza­nami no mikoto selbst zu sei­ner Ver­fol­gung her­bei. Da zog er einen Fel­sen, [sonst] von tau­send [Män­nern] zu zie­hen, zum Fla­chen Abhang der Fins­ter­nis und ver­sperrte ihn. Mit die­sem Fels zwi­schen sich stan­den sie sich gegen­über und er sprach die Schei­dungs­for­mel aus. Da sagte Iza­nami no mikoto: ›Mein gelieb­ter Gatte, wenn du so tust, werde ich an einem Tag tau­send Häup­ter von Men­schen­gras dei­nes Lan­des zu Tode wür­gen!‹ Da sprach Iza­nagi no mikoto: ›Meine geliebte Gat­tin, wenn du so tust, werde ich an einem Tag tau­send­fünf­hun­dert Gebär­hüt­ten errich­ten!‹ Also ster­ben an einem Tag gewiß tau­send Men­schen, und gewiß wer­den an einem Tag tau­send­fünf­hun­dert Men­schen gebo­ren. Daher heißt Iza­nami no mikoto die ›Große Göt­tin der Fins­ter­nis‹. Es heißt auch, daß man sie wegen des Ver­fol­gens die ›Große, auf dem Weg Ver­fol­gende Göt­tin‹ nennt. Der Fel­sen, mit dem der Abhang der Fins­ter­nis ver­sperrt wurde, heißt ›Große Gott, der auf dem Weg zurück­schickt‹; ein ande­rer Name ist der ›Gro­ßer Gott, der das Tor der Fins­ter­nis ver­sperrt‹. Der soge­nannte Fla­che Abhang der Fins­ter­nis heißt jetzt Ifuya-Abhang im Land Izumo.

Nun sprach Iza­nagi no mikoto: ›Ich bin in einem ekel­haf­ten, abscheu­li­chen, schmut­zi­gen Land gewe­sen. Daher will ich mich rei­ni­gen.‹ Er gelangte zur Ahaki-Heide an der Meer­enge von Tachi­bana in Himuka auf Tsu­ku­shi und rei­nigte sich. Der Name der Gott­heit, die ent­stand, als er sei­nen erlauch­ten Stock hin­warf, […] {Göt­ter­auf­zäh­lung}. Die zwölf Gott­hei­ten in der obi­gen Auf­zäh­lung […] sind alle aus dem Able­gen der an sei­nem Kör­per getra­ge­nen Sachen entstanden.

Nun sagte er: ›Die obere Strö­mung ist zu schnell, die untere Strö­mung zu schwach‹, also ging er hin­un­ter, tauchte in die mitt­lere Strö­mung und wusch sich, da ent­stand ein Gott Yaso­ma­gats­uhi no kami [ ›Gott der Acht­zig Übel/Krummheiten‹], danach Oho­ma­gats­uhi no kami [ ›Gott der Gro­ßen Übel/Krummheiten‹]. Diese Gott­hei­ten ent­stan­den aus der Befle­ckung, die er sich durch den Auf­ent­halt in dem unrei­nen Land zuge­zo­gen hatte. Die Namen der Gott­hei­ten, die dann ent­stan­den, um diese Übel/Krummheiten wie­der gerade zu bie­gen, lau­ten Kamu­nahobi no kami [ ›Gott des Gött­li­chen Zurecht­bie­gens‹], danach Oho­nahobi no kami [’Gott des Gro­ßen Zurecht­bie­gens‹], danach Izu no Me no kami. [Es ent­ste­hen fer­ner die von der Sippe der Azumi als Ahnen ver­ehr­ten Mee­res­göt­ter sowie die drei im Sumino’e Schrein ver­ehr­ten Meeresgötter.]

Der Name der Gott­heit, die ent­stand als er sein lin­kes Auge wusch, lau­tet Ama­ter­asu Oho­mi­kami. Der Name der Gott­heit, die ent­stand , als er sein rech­tes Auge wusch, lau­tet Take­haya Susa no Wo no mikoto.

Die vier­zehn Gott­hei­ten der obi­gen Auf­zäh­lung von Yaso­ma­gats­uhi no kami bis zu Take­haya Susa no Wo no kami sind Gott­hei­ten, die durch das Waschen des Kör­pers ent­stan­den.” 8

Nihons­hoki

(Vari­ante I:) […] Iza­nagi no mikoto: ›Ich wün­sche ein wun­der­ba­res Kind zuer­zeu­gen, das die Welt regie­ren soll.‹ Also nahm er einen Spie­gel von Weiß­kup­fer in seine linke Hand, dar­aus ging eine Gott­heit her­vor. Er nannte sie Oho­hirume no mikoto. Als er in die recht Hand einen Spie­gel aus Weiß­kup­fer nahm, ging dar­aus eine Gott­heit her­vor. Er nannte sie Tsu­kuyumi no mikoto. Als er sei­nen Kopf drehte und nach hin­ten blickte, ent­stand ein Gott. Die­sen nannte er Susa no Wo no mikoto.

(Vari­ante VI:) Iza­nagi no mikoto folgte hier­auf Iza­nami no mikoto: und betrat das Land der Fins­ter­nis, und als er sie erreichte, spra­chen sie mit­ein­an­der. Da sagte Iza­nami no mikoto: ›Mein lie­ber Gatte, was bist du so spät gekom­men! Nun habe ich bereits vom Koch­herd [des Lan­des] der Fins­ter­nis geges­sen. Wie dem nun sei, ich möchte jetzt schla­fen. Ich bitte dich, sieh nicht her!‹ Iza­nagi no mikoto hörte nicht a auf sie, nahm heim­lich sei­nen viel­zäh­ni­gen Kamm, brach den End­zahn ab, machte ihm zum Hand­licht und sah nach ihr – da quoll der Eiter her­vor und es wim­melte von Maden. Daher mei­den jetzt die Men­schen nachts ein ein­zel­nes Licht, und sie mei­den es, nachts einen Kamm weg­zu­wer­fen. […] {Ver­lauf ähn­lich wie im Kojiki}

(Vari­ante IX:) In einem Buch heißt es, Iza­nagi no mikoto wünschte sich seine Gat­tin zu sehen, also ging er zur tem­po­rä­ren Begräb­nis­stätte. Iza­nami no mikoto, zu die­ser Zeit immer noch wie bei Leb­zei­ten, kam ihm ent­ge­gen und spra­chen mit­ein­an­der. Doch dann sagte sie zu Iza­nagi no mikoto: ›Mein Gatte, ich bitte dich, sieh nicht nach mir!‹ […] {Iza­nami wird wie­der ver­folgt} Das ist der Grund, wes­halb man die Dämo­nen mit Pfir­si­chen abwehrt. Hier­auf war Iza­nagi no mikoto sei­nen Stock hin und sagte: ›Bis hier­her und nicht wei­ter sol­len die Don­ner kom­men!‹ […]” 9

Inter­pre­ta­tion

Iza­nagi schei­tert bei dem Ver­such seine Ehe­frau Iza­nami zurück­zu­ho­len,
da diese Spei­sen vom Koch­herd des Lan­des der Fins­ter­nis geges­sen hat. Die Spei­sen wurde durch den Koch­herd befleckt und ver­dor­ben. Bemer­kens­wert ist zudem, dass Iza­nami sich nur im Kojiki mit den obers­ten Göt­tern des Lan­des der Fins­ter­nis bera­ten will. Die­ser Fakt spricht dafür, dass auch diese Göt­ter nur eine Kon­struk­tion sind.

Das Land der Fins­ter­nis, wel­ches dem Tod mit der Dun­kel­heit sym­bo­li­siert, das Anzün­den des Lichts sowie das Erbli­cken des ver­we­sen­den Kör­pers ähneln einen japa­ni­schen Bestat­tungs­brauch. Kai­ser Temmu wurde bei­spiels­weise mehr als 2 Jahre nach sei­nem Tod in einer tem­po­rä­ren Begräb­nis­stätte auf­be­wahrt, bis er in ein Hügel­grab, dies könnte der Fla­che Abhang sein, ver­legt wurde. Immer wie­der erhielt er in die­ser tem­po­rä­ren Begräb­nis­stätte Opfer­ga­ben, wobei wahr­schein­lich auch der Zustand des Toten kon­trol­liert wurde. Immer­hin war der Anblick ver­we­sen­der Lei­chen kein unge­wöhn­li­cher, denn immer wie­der star­ben die fron­dienst­leis­ten­den Bau­ern oder Wan­de­rer auf einem Weg und kei­ner getraute sich sie wegzuräumen.

Fol­gen­reich ist die Kon­fron­ta­tion der bei­den Urel­tern für die Mensch­heit. Iza­nami will von nun an jeden Tag 1000 Men­schen töten, wäh­rend Iza­nagi bewirkt, dass jeden Tag 1500 Men­schen gebo­ren wer­den. Es wer­den zwar mehr Men­schen gebo­ren als ster­ben, den­noch kommt durch die­ses Ereig­nis der Tod auf die Erde und die Men­schen müs­sen sterben.

Die Flucht des Iza­na­gis ent­hält das Mär­chen­mo­tiv der „magi­schen Flucht”, das welt­weit zu den häu­figs­ten Mär­chen­mo­ti­ven gehört. Die magi­sche Flucht beinhal­tet einen Hel­den, der vor einem men­schen­fres­sen­den Dämon ver­folgt wird und drei Gegen­stände hin­ter sich wirft, die sich in Hin­der­nisse ver­wan­deln. Dass die Ver­fol­ger Iza­na­gis sol­che Fres­ser sind, sieht man an deren Gier, mit der sie die Wein­trau­ben und den Bam­bus ver­schlin­gen. Die Vor­stel­lung, dass Dinge wie Holz, Früchte und Pfir­sich­blü­ten magi­sche Fähig­kei­ten besit­zen stammt übri­gens aus China. Die­ser Teil des Mythos zeigt auch noch heute Aus­wir­kun­gen, so wer­den zum Bei­spiel beim Pup­pen­fest am 3. März Pfir­sich­blü­ten als Abwehr gegen Dämo­nen genutzt. Auch das Streuen von Salz vor der Haus­tür nach einer Beer­di­gung ist auf die­ses Kapi­tel des Ent­ste­hungs­my­thos zurück­zu­füh­ren. Frü­her badete die ganze Fami­lie nach einer Bestat­tung im Meerwasser.

Iza­nagi trennt das Erd­reich und das Land der Fins­ter­nis durch das Ver­sper­ren des Wege mit­tels eines schwe­ren Fel­sens, der dem Grenz­gott Sahe no kami gleicht. Die­ser soll noch heute dafür sor­gen an Dorf­gren­zen die Damö­nen des Jen­seits abzuwehren.

Kom­men wir nun zu der wich­ti­gen Rei­ni­gung des Iza­na­gis. Zum einen wird hier der Grund­stein für die Rei­ni­gungs­ze­re­mo­nie im Shin­to­is­mus gelegt, zum ande­ren wird wie­der die Stel­lung der Adels­fa­mi­lien gerecht­fer­tigt. Am aller­wich­tigs­ten ist jedoch eine Tat­sa­che: Die Geburt der drei erlauch­ten Kin­der. Ama­ter­asu Oho­mi­kami, die Son­nen­göt­tin, ist die wich­tigste Shintō-Kami. Die Abstam­mung von Ama­ter­asu Oho­mi­kami bean­spru­chen die Tennō für sich, d.h. an die­ser Stelle liegt die Macht­stütze der japa­ni­schen Kai­ser­dy­nas­tie. Es wun­dert daher kaum, dass Temmu der erste Kai­ser war, wel­cher als Gott ver­ehrt wurde.

An die­ser Stelle endet der Ent­ste­hungs­my­thos. Die drei erlauch­ten Kin­der, dar­über gibt es irgend­wann einen extra Arti­kel, über­neh­men die Herr­schaft und Iza­nagi zieht sich zurück.


Abschluss­kom­men­tar

Nun fin­det ein lan­ger Arti­kel, der mich viele Stun­den gekos­tet hat, sein Ende. Das Ergeb­nis war aber diese Mühe wert. Ins­ge­samt hat mir diese Mischung aus Blog und Wiki sehr viel Spaß gemacht, wes­we­gen es dann im Mai den nächs­ten Arti­kel, des­sen Thema schon fest steht, geben wird.

Lite­ra­tu­r­emp­feh­lung

Die Mythen des alten Japan, Naumann Nelly

Die Mythen des alten Japan

Prof. Dr. Nelly Nau­mann (1922−2000) war eine deut­sche Japa­no­lo­gin, die sich ins­be­son­dere mit der alt­ja­pa­ni­schen Geschichte beschäf­tigte und zahl­rei­che Abhand­lun­gen, die auch inter­na­tio­nale Aner­ken­nung genie­ßen, zu die­sem Thema schrieb. Ihr Werk „Die Mythen des alten Japan” ist keine reine Über­set­zun­gen mit blo­ßen Anmer­kun­gen, son­dern viel eher eine äußerst tief­grei­fende Ana­lyse Mythen, die zudem zahl­rei­che Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Mythen bietet.

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Karl Florenz, Die historischen Quellen der Shinto-Religion

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Karl Flo­renz (1865−1939) war ein Pio­nier der deut­schen Japa­no­lo­gie. Seine Über­set­zun­gen der mythi­schen Kapi­tel des Nihons­hoki und Kojiki in sei­nen 1901 und 1919 erschie­ne­nen Büchern „Japa­ni­sche Mytho­lo­gie” und „Die his­to­ri­schen Quel­len der Shinto-Religion” wer­den noch heute ver­wen­det. Den­noch muss man sagen, dass seine Kom­men­tare oft nicht mehr auf dem Stand der alten Zeit ist. Nichts­des­to­trotz sind umfas­sen­den Über­set­zun­gen schon eine Anschaf­fung wert.

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Fuß­no­ten

  1. Nelly Nau­mann: Die Mythen des alten Japan. Mün­chen, 1996, S. 40.
  2. Ebenda, S. 41.
  3. Ebenda, S. 49f.
  4. Ebenda, S. 51-53.
  5. Ebenda, S. 65f.
  6. Ebenda, S. 66f.
  7. Karl Flo­renz: Japa­ni­sche Mytho­lo­gie, Tokyo, 1901, S. 35f.
  8. Ebenda, S. 72-75.
  9. Ebenda, S. 75-77.
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